JOACHIM BECKER | FOLDER: DIFFRING PREIS FÜR SKULPTUR 2017

Gary Schlingheider erhält den Diffring-Preis für Skulptur 2017.

Am Anfang war Malerei, nach naturalistischen Selbstportraits der Bruch zu abstrakt und ausdrucksstarken Kompositionen von Farbflächen. Aus ihr heraus erobert die Linie, das Lineare den Raum – selbständige, dreidimensionale Zeichnungen. Vierkantstahl ist sein bevorzugtes Material.

Gary Schlingheider ist der Essenz der Dinge auf der Spur, verborgen in archaischer Schönheit.

Von analytischem Sehen alltäglicher Gebrauchsgegenstände ausgehend – mit ihren emotional besetzten Bindungen ­– wird ein Objekt zunächst abstrahierend von Emotionen und Bedeutungen befreit, auf eine rein ideologiefreie Form reduziert bis die Linie die Organisation des künstlerischen Werkes dominiert.

Künstlerische Wurzeln liegen in der „Konkreten Kunst“, dem reinen Ausdruck von harmonischem Maß und Gesetz verpflichtet, „…(sie) ordnet Systeme und gibt mit künstlerischen Mitteln diesen Ordnungen das Leben“ (Max Bill). Im Minimalismus findet Schlingheider das Streben nach Objektivität, schematischer Klarheit, Logik und Entpersönlichung als Maxime (Donald Judd).

Ein spiritueller Pate ist besonders Ellsworth Kelly: abstrakte Darstellungen mit klaren Linien, unvermischte, stark akzentuierte Farben, „Hard Edge“. Skulpturale Malerei und malerische Skulptur.

Vom Einliniensystem zu einem Mehrliniensystem entwickelt Gary Schlingheider spannungsreiche Kommunikationsbeziehungen, die von einer Sehnsucht nach Harmonie zeugen.

„30MM“ – reine Formen, freie Module, werden variabel zueinander in Beziehung gesetzt, sich vielschichtig überlagernd,  paarweise oder als einzelnes Element Position beziehend.

Die formgebenden, rahmenhaften Stahlzeichnungen umschließen einen Leerraum, einen Denkraum, der an Rundungen, Ecken und Kanten vorbei zu intellektuellen wie zu emotionalen Erlebnissen führt. Schlingheider aktiviert Zwischenräume, die Architektur des Ortes und die Wahrnehmung des Betrachters.

Flächen, Volumen, entstehen in (Bilder-) Stahlrahmen. Monochrom bemalt umsäumen, focussieren sie Leere, die wie ein Spiegel den Betrachter befragt, ihn einerseits sich selbst ausliefert, andererseits ihm über die gesetzten Grenzen hinaus Freiraum schenkt, Entgrenzung. Autonomie. „Das Bild“ entsteht in der geistigen Welt des Subjekts.

Im Werk von Gary Schlingheider reklamieren Farbe und Form Autonomie, in einer Zeit gesellschaftspolitischer Polarisierungen und auch als Gegenbewegung zu einer Kommerzialisierung der Kunst.

Farbgebung, rosa, hellblau, türkis oder schwarz schafft Sphären, Stimmungen. Schlingheider ästhetisiert nicht, sein Farbauftrag lässt bewusst Pinselspuren und sichtbare Arbeitsprozesse zu. Dadurch erfährt das formal Schöne eine ästhetische Emotion, für die die Form der Nährboden ist.

Inszenierte Rahmen („3DPLUS“), an der Wand oder im Raum positioniert, bieten dem Betrachter einen realen und imaginären Handlungsspielraum mit unbegrenzten Wahrnehmungsmöglichkeiten.

Schlingheiders Werke stellen Bezüge und Relationen  zum Außen her, zu einer von der jeweiligen Architektur definierten Struktur, die somit selbst Bestandteil einer architekturalen Skulptur wird (vgl. Diffring: „Götter oder architekturale Skulptur“).

Die Kunst von Gary Schlingheider stellt dem medialen Dickicht digital manipulierter Realität objektive Strukturen entgegen.